Neues altes Gemüse

Ich bin gerade auf meinen zwei Jahre alten „Katalog für seltene Kulturpflanzen“ von VEN gestoßen und habe beim Durchblättern mal wieder herumgesponnen, was ich nicht alles in unserem Garten anbauen werde. Für alle, die’s nicht wissen: VEN ist, neben Arche Noah (Österreich) und Pro SpezieRara (Schweiz) eine Saatgut-Initiative, die alte, samenfeste Gemüse- und Obstsorten züchtet und vertreibt.

Und mal abgesehen davon, dass der Katalog mit wirklich schönen Drucken der Gemüse und historischen Zitaten zu denselben ausgestattet ist und einem damit schon Lust aufs Gemüseanpflanzen macht, hat er Sorten im Angebot, von denen man sonst nur träumen kann. Schonmal etwas von den Kartoffeln Heideniere, schwarze Ungarin oder rosa Tannenzapfen gehört? Von schwarzkörnigem Hafer? Vom Mais namens Zuckerfee? Oder einer Stangenbohne, die als Ascherslebener Meisterwerk  bezeichnet wird und Erbsen, die der Ruhm von Braunschweig bzw. die Salzmünder Edelperle sind? …wenn man das so hört, ist das Gemüseangebot im Supermarkt wirklich lächerlich. Wenn es nur nicht so traurig wär.

viele bunte Kartoffeln - Quelle Wikimedia
viele viele bunte Kartoffeln. Quelle: Wikimedia. Urheber: Agricultural Research Service

Aber warum ist das eigentlich so? Wieso kann ich dort keine polnische Speiseplatterbse, Rehzungen-Salat oder Cardy kaufen? Die Antwort lautet: Weil

  • die Verbraucher sich an uniform aussehende und schmeckende Gemüse und Früchte gewöhnt haben (die möglichst Handelsklasse I haben),
  • wenige, genormte Sorten weniger Mühe machen beim Anbau, Ernten, Verpacken, Labeln etc. und
  • die europäische Saatgutverordnung und das deutsche Bundessortenamt auch noch ein Wörtchen mitzureden haben.

Beim ersten Punkt müssen wir uns an die eigene Nase packen, ist ja klar. Die anderen beiden Punkte aber muss man sich einmal genauer anschauen:

Die wenigen, dafür fast ständig verfügbaren Sorten im Supermarkt sind Hybridsorten. Im Supermarkt macht man sich wenig Gedanken darum, aber wer schon mal bei Samentütchen darauf geachtet hat, findet manchmal die Bezeichnung „F1“ hinterm Namen angegeben. Hybrid-Sorten werden eigentlich hauptsächlich gezüchtet für den Profianbau, da sichergestellt ist, dass die Pflanzen einen guten Wuchs haben und teils auch gegen Ungeziefer (oder sogar Pestizide) resistent sind. Außerdem tragen sie viele Früchte, die auch noch immer gleich aussehen und möglichst gleichzeitig reif werden.  Das gleichzeitige Reifen ist ja für uns Hobbygärtner sogar eher eine lästige Angelegenheit – wer will denn schon alle Kohlrabis in einer Woche ernten und verarbeiten?? Für die Landwirte, die im großen Stil ernten, ist das aber eine sehr wichtige Eigenschaft.

Der gute alte Mendel

Und was heißt jetzt hybrid? Irgendwann im Biounterricht in der Schule haben wir alle mal Mr. Mendel kennengelernt. Der kreuzte fleißig Erbsen und legte mit seinen Erkenntnissen die Grundregeln der Erblehre fest. Die „Mendelsche Regeln“ besagen, dass  zwei unterschiedlich aussehende, aber reinerbige Vorfahren (P für Parentalgeneration) gleich aussehende Nachkommen (F1 für erste Filialgeneration) haben. Das sind die sogenannten Hybriden. In der nächsten Generation, also wenn die F1-Hybriden miteinander gekreuzt werden, sind die Nachkommen (F2) nicht mehr gleichförmig und sehen mehr oder weniger wieder unterschiedlich aus – je nachdem, ob das entsprechende Merkmal bei der Elterngeneration P dominant-rezessiv war oder intermediär. Alles klar? Ich mach mal ein Beispiel.

Das eine Elternteil – nennen wir es Mama-Erbse – hat grüne Erbsen, Papa-Erbse gelbe (P). Die Kinder (F1) von ihnen tragen bei einer dominant-rezessiven Vererbung alle grüne Erbsen, weil in diesem Beispiel die Mama-Erbse das dominante Gen hat. Wenn die Kinder nun wieder gekreuzt werden, produzieren sie Enkel (F2), von denen drei Viertel wie die Oma (P) aussehen – also grün -, und ein Viertel wie der Opa (P) – also gelb.

Bei der seltener vorkommenden intermediären Vererbung sind die Gene der Elterngeneration nicht unterschiedlich, sondern gleich „stark“. Deshalb haben die Kinder alle gelb-grüne Erbsen und die Enkelkinder zu je einem Viertel gelbe bzw. grüne Erbsen und zur Hälfte gelb-grüne.

Hybride Sorten

Die Hybridzüchter machen nun Folgendes: Sie züchten zuerst zwei Elternteile heran, die in ihren jeweils verschiedenen, wünschenswerten Eigenschaften möglichst reinerbig sind. Dann kombinieren sie die miteinander und erhalten die so genannten F1-Hybriden. Das sind dann die Samen, die in den Tütchen drin sind, die man kaufen kann bzw. die Früchte und das Gemüse, was man im Supermarkt kauft. Angeblich können diese F1-Hybriden sich nicht mehr vermehren lassen. Das stimmt aber nicht immer! Ihre Nachkommen haben nur eben nicht mehr genau dieselben Merkmale wie ihre Eltern. Im Grunde kann das sogar ganz spannend für den Hobbygärtner sein, weil man dann ja herausfindet, wie die Ursprungspflanzen ausgesehen haben, von denen die F1-Samen abstammen. Für den professionellen Bauern aber (und für den werden diese Samen ja nun hauptsächlich und in großen Mengen hergestellt) bedeutet das, dass er jedes Jahr neue Hybridsamen von den Unternehmen kaufen muss. Er ist ja darauf angewiesen, dass die Früchte stets gleich aussehen. Also macht er sich abhängig von den Saagutkonzernen. Und davon gibts – spätestens Ende 2017 – nur noch drei große auf der Welt: Bayer, ChemChina und DuPont. Daneben melden diese Konzerne teils Sortenschutz auf die von ihnen gekreuzten Hybridsorten an. Das heißt, dass diese Pflanzensorte ihnen gehört und sie kein anderer weitervermehren darf. Im Grunde darf man nur noch die Samen kaufen und anpflanzen. Die jahrhunderte alte Technik des Saatgutvermehrens wird somit nach und nach abgeschafft und die Abhängigkeit von diesen Konzernen gestärkt. Das kann für Vielfalt in der Pflanzen- und auch in der Geschmackswelt nicht gut sein!

Das merkt man ja im Supermarkt schon: Zwar können wir ja mittlerweile leider zu jeder Jahreszeit Erdbeeren, Äpfel & Co kaufen, aber immer nur dieselben Sorten. Schon mal aufgefallen? Die meisten Supermärkte bieten nur eine einzige Sorte Bananen an, vier Sorten Äpfel, wenn es hoch kommt, eine Sorte Blaubeeren, und vielleicht mal drei bis vier Sorten Gurken, falls es neben Schlangen- und Minigurke im Sommer Schmorgurken und Einmachgurken gibt. Die Sortenvielfalt ist sogar schon so weit eingeschränkt, dass sich einige Gemüse und Früchte nur noch als Hybriden auf dem Markt befinden und Biozüchter versuchen müssen, diese zurückzuzüchten, damit man überhaupt wieder eine samenfeste Sorte erhält. Gruselig!!

EU-Saatgutverordnung & das Bundessortenamt

In Deutschland übrigens verhält es sich seit dem Scheitern der Revision der EU-Saatgutverordnung (sollte 2014 geschehen) folgendermaßen: Im Gegensatz zu z.B. Österreich, wo historische Sorten einfach auf Märkten verkauft werden dürfen, werden samenfeste Sorten auf hier mit hohen Auflagen und Beschränkungen versehen. Immerhin dürfen Hobbygärtner auch hier ihr Saatgut anbauen, tauschen, verschenken und weiter vermehren. Profis müssten aber jede Sorte beim Bundessortenamt zulassen – und das ist für kleinere Zuchtunternehmen einfach zu teuer. Darum findet der Saatguthandel mit den wirklich spannenden Sorten auch nicht wirklich im Handel, sondern in Vereinen, zwischen Sammlern und generell ziemlich privat statt, was wirklich schade ist. Dabei ist es dann enorm wichtig, wie die jeweilige Sorte vom Bundessortenamt eingestuft wird (oh Deutschland, du Bürokratesse!). So genannte „Amateursorten“ dürfen z.B. nur in kleinen Packungen verkauft werden und „Erhaltssorten“ nur bis zu einer bestimmten Menge. Für professionelle Gärtner und Bauern also nicht wirklich eine Option.

Was tun?

Man sollte also beim Kauf von Obst und Gemüse darauf achten, dass man samenfeste, alte, regionale Sorten bevorzugt (klar möglichst im Bioladen oder auf dem Bauernmarkt) – und beim Kauf von Samen für den eigenen Garten noch viel mehr! Hobbygärtner können auch einfach versuchen, sich ihr eigenes Saatgut zu ziehen. Das kann man mit dem Gemüse und Obst aus seinem Garten oder Balkon machen, aber auch einfach mit dem aus dem Supermarkt. Einfach mal von der leckersten Tomate auf dem Teller ein paar Samen nehmen, trocknen lassen (funktioniert super, wenn man sie auf Küchen- oder Toilettenpapier setzt), anpflanzen und staunen, was draus wird.

Also – bitte nur noch Samentütchen von Bio-Labeln kaufen (am besten von demeter, Bioland oder Naturland, Bingenheimer Saatgut, Dreschflegel, ReinSaat oder Sativa). Oder gleich mal in den VEN-Katalog reinschauen oder sich kundig machen, wo und wann das nächste Mal in der Nähe ein privater Pflanzen- oder Samentausch stattfindet.

 

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