Jürgen Dollase und die Spitzenköchinnen

Eigentlich wollte ich ja meinen ersten Eintrag von langer Hand planen und durchdenken… Aber wie es so ist, bin ich gerade über das FAS-Interview mit Jürgen Dollase über Spitzenköchinnen gestolpert – und muss gleich mal den Artikel und meine Gedanken dazu teilen. Hat man ja selten genug, dass sich jemand für die Frauen hinterm Herd interessiert!

 

Jürgen Dollase ist ein ziemlich bekannter Restaurant-Kritiker. Jedes Jahr wählt er seine „Lieblinge“ unter den Köchen und Sommeliers aus. Natürlich sind das meist alles Männer – nur dieses Jahr nicht, denn Dollase wollte demonstrativ darauf hinweisen, dass Frauen mindestens genauso gut kochen können wie Männer. Seiner Einschätzung zufolge werden „weibliche Köche vom Publikum oft nicht adäquat wahrgenommen“. Das sehe ich genauso. Natürlich kann man darüber diskutieren, ob jetzt eine women-only-Veranstaltung eher hilfreich oder nicht ist, genau wie Frauenquoten immer Anlass zum Diskutieren geben. In diesem Fall finde ich zwar das gesetzte Zeichen gut und notwendig, bin aber neugierig, wie Dollase das Männer-Frauen-Verhältnis in Zukunft bei solchen Bewertungen gestaltet.

Natürlich ist mir klar, dass es (noch immer) weniger Frauen als Männer in der professionellen (Spitzen-)Küche gibt, aber als Meinungsgestalter ist es eben auch Dollases Arbeit, die praktizierenden Köchinnen ins rechte Licht zu rücken und zu besprechen – und zwar kontinuierlich. Mit einer einmaligen Veranstaltung ist es nicht abgetan!

Der Rest des Interviews beschäftigt sich mit mehr oder weniger typischen Standardfragen zu Köchinnen: Wie macht man das mit Beruf und Familie (Warum ist das eigentlich eine Frauenfrage)? Ist Köchinnen Karriere wichtig? (Nee, die machen das nur zum Spaß und verdienen gerne weniger.) Wo ist der Unterschied zwischen kochenden Männern und Frauen? (Vielleicht sollte man mal die Gäste fragen, von wem wohl das jeweilige Gericht gekocht wurde…) Ist Kochen nicht zu körperlich anstrengend? (Hmmm, das sollten wir jetzt aber auch mal schnell unser Pflegepersonal befragen – sind ja meist Frauen.) Auch das Thema der Emotionalität von Frauen wurde nicht ausgespart, war aber immerhin keine Interviewfrage wert. Schade, dass eigentlich nur solch vorhersehbare Fragen gestellt wurden – und dass hier nicht einfach mal eine der vorgestellten Köchinnen befragt wurde! Stattdessen durfte mal wieder ein „alter weißer Mann“ von seiner Meinung und seinen Eindrücken berichten.

Immerhin sehr interessant war der Abschnitt, der sich mit den wenigen Frauen in der Spitzengastronomie beschäftigt. Dollase erklärt richtig:

Das Berufsbild Koch hat bei den Frauen sehr unterschiedliche Phasen durchlaufen. In den frühen Restaurants im 18. Jahrhundert kochten oft Köchinnen, die für den Adel gearbeitet hatten. Dann kam die große Zeit der Hausfrauenküche – auch in Restaurants. Als der Guide Michelin erstmals drei Sterne verlieh, waren noch Köchinnen dabei. Im Grunde rief das aber dann die Männer auf den Plan. […] Aber ab den dreißiger Jahren waren es die Männer, die die Sterne absahnen wollten und einen Starkult schufen und bald schon das gesamte Bild dominierten.

Leider ist seine Schlussfolgerung daraus folgende: Frauen könnten wieder eine größere Rolle in der Küche spielen, wenn die Küche wieder von der Bevölkerung übernommen wird – zum Beispiel in Food-Blogs. Ich finde, es ist zwar (sowieso) wünschenswert, dass in jeder Familie gekocht wird und das Wissen über Lebensmittel und Kochtechniken weitergegeben wird, aber es sollte nicht die einzige Chance für Frauen sein, den Kochstil, den Umgang mit Lebensmitteln, und alles, was sonst noch damit zusammenhängt, dauerhaft zu beeinflussen. Mindestens ebenso wichtig ist es, dass es Frauen nicht schwerer als Männer in der professionellen Küche haben. Familie und sonstige Zwänge hin oder her. Das ist unsere gesellschaftliche Baustelle (und zwar nicht nur in der Gastronomie)!

So, das musste mal raus. Lest Euch das Interview durch und schreibt gerne, was Ihr darüber denkt!

Eins noch, der Richtigkeit halber: Das Interview wird in der URL als „Interview über deutsche Sterneköchinnen“ bezeichnet. Das ist etwas irreführend. Die Damen sprechen zwar alle prima deutsch, aber Lea Linster kommt aus und arbeitet in Luxemburg und Tanja Grandits ist zwar eine Deutsche, arbeitet aber in Basel. Schließlich werden die Michelinsterne immer für das Land vergeben, in dem sich das Restaurant befindet. Diese falsche Zusammenfassung deutet noch einmal darauf hin, wie schwer sich auch Dollase damit tut, fünf Frauen zu finden, die seinen – zugegebenermaßen – anspruchsvollen Kriterien genügen.

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Ein Gedanke zu “Jürgen Dollase und die Spitzenköchinnen

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